1 Erste Offshore-Projekte

„AnwendungsentwicklerInnen nach Indien – Wo sind in Zukunft unsere Arbeitsplätze?“ – Diese Frage stellte sich bereits 1996 eine Arbeitsgruppe auf der Jahrestagung des FIfF. Von zwei Projekten wurde dort berichtet:

Die schwäbische Firma Trumpf stellte auch in den 90er Jahren Blechbearbeitungsmaschinen her. Ein „Freier Geometrieschachtler“ sollte entwickelt werden, um die Tafelbelegung zu optimieren und dadurch den Blechverschnitt zu reduzieren. Interne Programmierkapazitäten waren nicht frei; daher wurde der Auftrag nach außen vergeben. Eher zufällig entstand der Kontakt zu einer indischen Firma, die im Bereich CAD und 3D tätig war. Das Pflichtenheft wurde bei Trumpf erstellt und mit dem indischen Projektleiter durchgesprochen. Die Entwickler/innen in Indien spezifizierten die Details, planten und programmierten die Software. Diese erfüllte „voll die an sie gesetzten Erwartungen“. Die Erfahrungen mit der Software aus Indien waren so positiv, dass weitere Projekte aufgesetzt wurden. „Die indischen Firmen waren dabei immer Partnerinnen auf hohem Niveau (Entwicklungstätigkeiten) und lieferten keine einfachen Zuarbeiten (reine Codierung) ab.“

Ganz anders lief es bei Schoppe & Faeser in Minden. Das Unternehmen gehört heute zum ABB-Konzern und ist nach wie vor im Bereich der Kraftwerksautomation tätig. Das Management dort wollte die Kosten für die Programmierung auf ein Zehntel drücken. Dazu wurde die Implementierung von 150 Modulen mit immer gleichen Schnittstellen nach Indien vergeben. Als Vorgabe wurden Struktogramme erstellt, die Übertragung in Programmcode erfolgte in Indien: „Es handelte sich dabei um keine anspruchsvollen Tätigkeiten, sondern um reine Codierarbeiten.“ Ein Mitarbeiter von Schoppe & Faeser reiste mehrfach nach Indien, um den Arbeitsfortschritt vor Ort zu kontrollieren. Zu den Systemtests kamen Mitarbeiter/innen der indischen Firma nach Minden. „Bei Schoppe & Faeser wurde die Softwareentwicklung in Indien wieder eingestellt. Sie hatte sich nicht gelohnt. Der Aufwand für die Wartung und Fehlerbehebung der Fremdsoftware war und ist sehr hoch. 20 von 150 Modulen mussten bereits neu geschrieben werden. Rechnet man alle entstandenen Kosten zusammen, ist die Entwicklung in Indien kaum mehr kostengünstiger gewesen.“

Trumpf arbeitete mit der indischen Firma als Partner auf Augenhöhe zusammen. Schoppe & Faeser ging nach dem Prinzip der verlängerten Werkbank vor: Entwurf in Deutschland, Ausführung in Indien. Die Kooperationsform ist ein wesentlicher Faktor für Erfolg oder Misserfolg. Gute Software kann nicht an der verlängerten Werkbank produziert werden. Warum das so ist, erläutere ich im nächsten Kapitel.

Alle Zitate dieses Kapitels stammen aus:

Andreas Gündel, Susanne Gündel, Gertrud Heck-Weinhart; „AnwendungsentwicklerInnen nach Indien – Wo sind in Zukunft unsere Arbeitsplätze?“; in:Jochen Krämer… (Hg.); „Schöne neue Arbeit: die Zukunft der Arbeit vor dem Hintergrund neuer Informationstechnologien“; 1997

weiter

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: