“Älterwerden im IT-Beruf”

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Es gibt sie, die älteren Softwareentwickler/innen – vor allem in der Arbeitslosenstatistik. Wolfgang Hien ist es gelungen zwölf Frauen und Männer aufzutreiben, die noch in der Entwicklung arbeiten. Diese hat er befragt. Sie berichten von hoher psychischer Belastung, permanentem Zeitdruck und Selbstüberforderung; von Jugendkult und Desinteresse an ihrem Erfahrungswissen; von Managern, die keine Verantwortung mehr übernehmen. Sie berichten auch von psychischen Erkrankungen, Erschöpfungsdepressionen und Verbitterung.

Nach der Schilderung seiner Befragungsergebnisse begibt sich Hien auf einen theoretischen Höhenflug. Ergebnis: Arbeit im Kapitalismus macht krank – gerade auch im IT-Bereich. Hien stellt die angebliche neue Autonomie in der IT-Arbeitswelt in Frage. Geringer Handlungsspielraum durch hierarchische und bürokratisierte Arbeitsorganisation; durchgereichter Druck vom Markt; Verantwortung für Arbeitsvorgänge, die vom Einzelnen nicht beeinflussbar sind; Überidentifikation und Durchhaltesyndrom; Warencharakter von Denken und Tun; Angst, Unsicherheit und Vertrauensverlust; psychische und auch Muskel-Skelett-Erkrankungen als Folge. Die Zusammenhänge sind plausibel begründet; manchmal wird es arg abgehoben, selbst Kant wird von Hien bemüht.

Mit 50 sei man schlicht ausgebrannt. So die Diagnose. Bei den Vorschlägen zur Therapie stürzt Hien ab. Er verordnet Gesundheitszirkel und Appelle an das Management. Aus seiner Analyse lassen sich diese Vorschläge nicht herleiten. Gesellschaftliche Probleme werden individualisiert. Aspirin heilt keinen fortgeschrittenen Hirntumor, Gesprächskreise schaffen keine selbstbestimmten Lebensverhältnisse.

Wer sollte das Buch lesen? Ältere Programmierer/innen, die nicht mit ihren Kolleginnen und Kollegen sprechen, können nachlesen, dass es diesen auch nicht besser geht – und denen in anderen Firmen nicht. Soziologen, die keine Ahnung von der Arbeit in der IT-Branche haben, können dem Buch Fragestellungen für weitere Untersuchen entnehmen. Gesundheitsberater können auf Basis des Buches ihre Akquisefolien zusammenstellen.

Der Autor Wolfgang Hien leitet ein Forschungsbüro für Arbeit und Gesundheit. Dieses führt auch Beratungen durch.

Wolfgang Hien: “Irgendwann geht es nicht mehr” – Älterwerden und Gesundheit im IT-Beruf; VSA-Verlag Hamburg 2008

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