Angst statt Freiheit in der IT-Industrie – Totalerfassung der indischen IT-Profis

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Der AK Vorratsdatenspeicherung konzentriert sich auf die staatliche Überwachung in Deutschland. Was internationale Unternehmen wie Accenture, Bosch, Dell und IBM treiben, gerät dabei aus dem Blick. Der Überwachungswahn dieser Firmen kennt keine Grenzen. In Indien beteiligen sie sich an der Totalerfassung der IT-Fachkräfte. Mit der Vernichtung der beruflichen Existenz wird bestraft, wer nicht gefügig ist oder sich nicht lange genug von derselben Firma ausbeuten lässt.


Die Firma Infosense Technologies betreibt die schwarze Liste DN VERIFI. Sie scheint mit der Denunziation als Geschäft wenig Erfolg zu haben. Mehr als Absichtserklärungen und Ankündigungen gibt es nicht. Sehr schön!

Der Unternehmensverband BPIAI (Business Process Industry Association of India) verfolgt mit der Datenbank E-TRACK das Berufsleben von Callcenter-Arbeiter/innen. „Job Hopping“ soll verhindert werden. Partner der BPIAI sind dabei die Pinkertons. Diese haben eine lange und unrühmliche Tradition als Spitzel, Streikbrecher und Privatarmee des Kapitals. Im Januar 2008 wurde E-TRACK eingerichtet; vier oder fünf Firmen haben seither die Daten ihrer Mitarbeiter/innen erfasst. Im September 2008 wird E-TRACK bereits wieder abgekündigt. Wie BPIAI-Chef Sam Chopra erklärt, sinke die Fluktuationsrate inzwischen auch ohne E-TRACK. Die ökonomische Krise sorge für Angst vor der Arbeitslosigkeit (siehe „Now, e-track goes offtrack“). Tatsächlich scheint E-TRACK in rechtlichen Schwierigkeiten zu stecken. Die Weitergabe personenbezogener Daten ohne Zustimmung der Betroffenen ist auch in Indien nicht ohne weiteres möglich. Die BPO Union feiert einen ersten Erfolg im Kampf gegen den Überwachungswahn. Sehr schön!

Das Zentralregister

Die NASSCOM (National Association of Software and Services Companies) hat eine trickreichere Variante gewählt: In der „National Skills Registry“ (NSR) erfassen die IT Professionals (ITPs) ihren Lebenslauf und ihr Profil selbst. Angeblich gehören ihnen ihre Daten danach auch noch. Der aktuelle Arbeitgeber kann auf die Daten seiner Angestellten zugreifen, andere Firmen müssen von dem oder der Betroffenen explizit zugelassen werden. Bisher haben sich 340.000 Fachkräfte registriert, im März 2009 sollen es 500.000 sein (siehe The Economic Times). Ziel ist die lebenslängliche Totalerfassung aller IT-Fachkräfte Indiens (ca. 2 Millionen). Nach den IT-Fachkräften kommen alle anderen Beschäftigten dran, Kantinenpersonal, Fahrer, Wachleute, Reinigungskräfte, etc.

Die Registrierung in der NSR soll Einstellungsvoraussetzung sein – keinen Job in der IT ohne aktuelles und geprüftes Profil in der NSR. Auch die NASSCOM beklagt die hohe Fluktuation. Bei Einstellungen sei oft auch nicht genügend Zeit, die Lebensläufe und Profile zu prüfen. Gefälschte oder auch nur geschönte Profile sollen dank NSR nicht mehr übersehen werden. Es gelte Kriminelle und „einfach unerwünschte Elemente“ („simply undesirable elements“) von der IT-Industrie fern zuhalten. Und wie funktioniert das?

Der Profi registriert sich selbst

Was habe ich als karrierebewusste IT-Fachkraft zu tun? Als erstes erfasse ich auf der Webseite der NSR mein Profil (Name, Name des Vaters, Geburtstag, Adresse, Passnummer, Steuernummer, Abschlüsse, technische und sonstige Kenntnisse, bisherige Tätigkeiten, beruflicher Werdegang, etc.). Dann fahre ich zu einem der 100 Service Points. Dort gebe ich ein aktuelles Foto ab, lasse mir die Fingerabdrücke von allen zehn Fingern nehmen und lasse diese und meine Unterschrift einscannen. Die Registrierungsgebühr in der Höhe von 337 Rupien bezahle ich am Besten gleich vor Ort. Dafür schicken die mir aber auch noch ein NSR-Karte zu, mit meinem Foto drauf und meiner lebenslang gültigen ITPIN (IT Professional Identification Number). Damit mein Profil in der Datenbank bleibt, werden mir dann nur noch 50 Rupien Gebühr pro Jahr berechnet.

Der nächste Schritt wird schon etwas teuerer. 1800 Rupien plus bei Dritten anfallende Gebühren kostet das Basispaket. Es umfasst die Überprüfung der persönlichen Daten (Geburtstag, Namen des Vaters, Pass- und Steuernummer, aktuelle und Heimatadresse), die Überprüfung eines akademischen Grad und einer technischen Qualifikation sowie die Prüfung der Angaben zu einer Anstellung. Entsprechend teurer wird es, wenn ich mehrere Abschlüsse habe oder schon mehrere Stellen hatte. Dieses Geld bezahle ich also an die NSR. Die sucht dann im Zufallsverfahren eine von ihren anerkannten Detekteien aus, im Fachjargon „Empanelled Background Checkers“ genannt. Schade, dass ich die nicht selbst aussuchen darf. Ich hätte die KPMG genommen, da arbeitet ein Studienfreund von mir. Der Background Checker guckt dann, ob da, wo ich wohne, auch wirklich ein Haus steht; er prüft auch, ob ich mein Diplom selbst gemacht habe; selbstverständlich spricht er auch mit meinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen; meine früheren Chefs wird er fragen, ob ich auch immer die Kündigungsfrist eingehalten und wirklich soviel verdient habe. Da kann schon einiges zu tun sein. 1800 Rupien sind dann vielleicht sogar ein Schnäppchen, zumal ich dann auch noch sehen darf, was der Background Checker in der NSR einträgt.

So, jetzt muss ich nur noch den Firmen, bei denen ich mich bewerbe, Zugriff auf mein – jetzt geprüftes – Profil geben und die Bewerbungsschreiben abschicken. Natürlich hätte ich auch das Geld für den Background Check sparen und den Background Check vom neuen Arbeitgeber ausführen lassen können. Aber wie sieht das aus: „hat noch nichts gearbeitet und kostet schon Geld“. Nein, nein – das bezahle ich erst mal selbst. Und für das nächste Mal ist vorgesorgt. Ich werde mein Profil laufend aktualisieren und von meinem Arbeitgeber verifizieren lassen. Er darf nur harte Fakten eintragen und ganz am Schluss mein Kündigungs- und Austrittsdatum bestätigen.

Zwang durch Unternehmen

Ich würde mich ja registrieren wie oben beschrieben. Aber nicht alle Kolleginnen und Kollegen verhalten sich so professionell. Manche brauchen eine zusätzliche Motivation: Firmen, die an der NSR teilnehmen, verpflichten sich, niemanden einzustellen, der sich nicht in der NSR registriert hat. Darüberhinaus verpflichten sie sich, alle ihre Angestellten dazu zu „motivieren“, ihr Profil in der NSR zu erfassen. Bereits vorliegende Ergebnisse von Background Checks sollen über die NSR auch anderen Firmen zur Verfügung gestellt werden, genauso wie die Ergebnisse von neu beauftragten Checks. Unternehmen können sich im Unterschied zu den IT-Profis ihren Background Checker selbst aussuchen. Dieser muss nicht einmal von der NSR anerkannt sein.

Bisher machen 58 Firmen mit; die meisten haben keine Scheu, dies auch öffentlich zu bekennen. Sie sind am Ende dieses Beitrages aufgelistet. Die NASCOM hat weit über 1.000 Mitgliedsunternehmen, da scheint die Beteiligung von 58 Firmen gering. Es sind aber die Großen der Branche, die mitmachen. Der indische Personalchef von Cognizant (Partner von T-Systems) brüstet sich öffentlich damit, schon 30.000 Angestellte in der NSR registriert zu haben. Damit die Erfassung wirklich lückenlos wird, strebt die NASSCOM jetzt die Kooperation mit den Universitäten an.

Leben in Angst

Die NSR hat massive Auswirkungen auf das Leben der IT Professionals in Indien. Mit der Drohung, Angaben in der NSR nicht zu bestätigen, können Unternehmen ihre Mitarbeiter/innen erpressen. Wer nicht pariert hat keine Chancen in der indischen IT-Industrie. Schließlich ist es das erklärte Ziel der NASSCOM, „unliebsame Elemente“ auszusondern. Angeblich gefälschte Profile und geschönte Lebensläufe dienen auch als Vorwand für Massenentlassungen, z.B. bei Satyam und IBM. Besonders perfide ist es, wenn Kolleginnen oder Kollegen zuerst dazu angehalten werden, ein „kundengerechtes“ Profil abzugeben, um dann nach getaner Arbeit deswegen entlassen zu werden. Diese Praxis wird von u.a. von Wipro berichtet.

Die IT-Metropole Bangalore hat die höchste Selbstmordrate unter allen indischen Städten. Nach Expertenmeinung ist in der IT-Branche Stress durch Arbeitsdruck und Unsicherheit des Arbeitsplatzes eine ganz wesentliche Ursache für die Selbstmorde. Dem Stressabbau dient die NSR bestimmt nicht. Wenn Menschen, die nur noch für ihre Arbeit leben, die berufliche Zukunft genommen wird, dann bleibt nicht mehr viel. Geradezu zynisch wirkt dann das Angebot psychologischer Beratung durch immer mehr IT-Unternehmen.

Widerstand und internationale Solidarität

Aber es gibt auch Hoffnung: Kolleginnen und Kollegen in Indien rufen zum Boykott der NSR auf (siehe DON’T update the CV to NASSCOM repository“). Die BPO Union hat rechtliche Schritte gegen die NSR angekündigt (siehe Retract and Recall“). Gegen E-TRACK zeichnen sich schon erste Erfolge ab.

Wir in Deutschland können unsere indischen Kolleginnen und Kollegen unterstützen. Wie wäre es mit Aktionen vor Zentralen oder Niederlassungen von Unternehmen, die sich an der NSR beteiligen? Glaubt irgend jemand, dass diese Firmen Datenschutzbestimmungen einhalten? Kleine Gruppen können manchmal große Wirkungen erzielen.

Freiheit statt Angst – für alle und überall!

Und hier die (unvollständige) Liste von Unternehmen, die sich an der NSR beteiligen:

  • 24/7 Customer
  • Accenture
  • Artech Infosystems
  • AuxiCogent BPO
  • Aviva Global
  • AXA Business Services
  • Citigroup Global Services
  • CMC
  • Cognizant Technology Solutions
  • Customer Operational Services
  • Dell Computer
  • Deutsche Network Services
  • exl Service
  • Firstsource
  • Franklin Templeton
  • Fusion Technologies
  • GENPACT
  • HCL Technologies BPO
  • Hewlett-Packard (India) Software Operation
  • Hewlett-Packard GlobalSoft
  • Hewlett-Packard India Sales
  • IBM Daksh
  • IBM India
  • i-flex Solutions
  • iNautix Technologies
  • Infosys
  • Infosys BPO
  • Infotech Enterprises
  • Intelenet Global
  • JP Morgan
  • KPIT Cummins
  • MindTree Consulting
  • Mphasis
  • Network Systems & Technologies
  • NIIT SmartServe
  • Perot Systems
  • Philips Electronics
  • Quatrro BPO
  • Robert BOSCH
  • Sasken Communication
  • Satyam
  • Scope International
  • Syntel Global
  • Syntel Sourcing
  • Syntel Sterling BestShores
  • Tata Consultancy Services
  • Tech Mahindra
  • Unisys Global Services
  • Wipro
  • Wipro BPO
  • WNS Global
  • Xchanging Technology
  • Zensar Technologies
  • Zenta

Quelle: https://nationalskillsregistry.com/Companies_joined.doc, abgerufen am 25.9.2008.

Update 22.08.2009:

Die Liste ist so nicht mehr im Web, die teilnehmenden Firmen sind jetzt zu finden unter:

https://nationalskillsregistry.com/companies-listing.htm

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2 Antworten to “Angst statt Freiheit in der IT-Industrie – Totalerfassung der indischen IT-Profis”

  1. transformers Says:

    Hello,

    This is a great initiative by the unions to take the NSR to legally withdraw. Besides, i would suggest that heavy penalties to the tune of millions should be levied on organizations forcing or advocating NSR. We all know that this is a cost cutting drive by India Inc IT and they are taking advantage lawlessness in the country like India. Further, it is a human right violation as no employer should collect personal data. I would recommend that the relevant unions speak to political parties for their support and adequate visibility for such acts of theft should be bought to the attention of press. For once the indian press should work by morally correct and give up the capitalst support. GREAT WORK GUYS!!!

  2. transformers Says:

    I have personally come across a situation where the personal details relating to date of birth and photographs have been shared by Hewlett Packard for its ex-employee with another organization. Infact, there’s a credible proof of arm twisting by Accenture India and IBM India to join the NSR. I’m amazed at the hypocratic behaviour of one of the worlds best organizations in india and they never look back when they have to take advantage. Is the HR heads of these organizations in US and Europe taking note of this? Why should your people policies differ in different geographies especially about something that has been illegal in Europe and US? Just for the fact India doesnt have any laws that doesnt mean that one should bully the employees into such agreeements. Also, I know for the fact that India inc IT industry exploits the visa loopoles and have been sending people on work to US and Europe in the guise of Business visa.

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