‚Wir arbeiten heute ganz anders‘ – Globalisierung und Industrialisierung bei SAP

by

In ihrem Buch „Matrix der Welt. SAP und der neue globale Kapitalismus“ beschreiben Ludwig Siegele und Joachim Zepelin unter anderem Veränderungen der Arbeit bei SAP. Prozesswahn, vertikale Arbeitsteilung und Hierarchisierung greifen auch dort um sich. Dazu einige ausführliche Zitate und zum Schluss kritische Anmerkungen zum Buch.

Bürokratie, Hierarchie und Kontrolle

„Doch lange Betriebszugehörigkeit und tiefe Kenntnisse des Software-Systems haben an Bedeutung verloren in einer Welt, die sich laufend verändert, neue Anforderungen stellt, schnelle Anpassungen erwartet und viel Verwaltung mit sich bringt. »Wir arbeiten heute ganz anders« – dieser Satz ist in unterschiedlichen Versionen in Walldorf immer wieder zu hören. Die Freiheiten sind kleiner, die Vorgaben wichtiger geworden, berichten Mitarbeiter. Sie klagen über den Verlust an Einfluss, über sich stärker ausbildende Hierarchien, viel zu häufige Umorganisationen und immer undurchsichtigere Entscheidungen von oben. »Die hohe Identifikation, die wir mal hatten, die geht runter«, beobachtete Helga Classen.

Auf einer Betriebsversammlung schilderte beispielsweise ein Alt-SAPler, der seit über 20 Jahren dabei ist, wie sich die Kontrollen langsam in den Arbeitsalltag eingenistet haben und er nun Buch darüber zu führen habe, wie er etwas gemacht hat, wann er es gemacht hat und wie viel Kapazität er noch besitzt. Zwei Stunden am Tag komme er bestenfalls noch zum Programmieren. Mit einer Uni oder gar einer Software-Kommune vergleicht das Unternehmen kaum noch jemand. Es gibt zahlreiche Hierarchieebenen, die von einigen Managern, vor allem aus den USA, strikt verteidigt werden. Da dürfen dann etwa E-Mails nur noch auf dem Dienstweg an die nächsthöhere Ebene geschickt werden – was anfangs zu ungläubigen Nachfragen bei der Arbeitnehmervertretung führte, warum man denn nicht mehr, wie früher üblich, gleich die zuständige Person anschreiben könne, unabhängig von deren Position im Unternehmen.“

Moderne Fließbandarbeit

„Auch die Arbeit an der Software hat sich dramatisch verändert. Der Programmierer, der früher gerne sein Selbstverständnis als Computerkünstler pflegte, wird heute eher gefürchtet. Denn für Individualismus ist der Platz eng geworden in einer Firma, die ihre Programme aus Modulen zusammensetzt, die sich alle miteinander kombinieren lassen sollen, in der Aufgaben zerlegt werden in kleine überschaubare Teilprojekte und in der ein Rädchen sich mit dem anderen drehen muss. Spielräume sind verschwunden, Grenzen wurden enger gezogen, Regeln gewannen überall an Bedeutung, ob beim Marketing, bei der Personalverwaltung oder beim Programmieren. Die Entwicklungsgruppe, die etwa für ein Programm von einer ersten Skizze bis zur Auslieferung verantwortlich war, gibt es nicht mehr. Immer mehr SAPler empfinden ihren Job inzwischen als moderne Fließbandarbeit mit straffen inhaltlichen und zeitlichen Vorgaben.“

Deutsche Wertarbeit, indischer Pfusch, kalifornische Traumtänzerei

„In einer solchen Stimmungslage bleibt die gewünschte interkulturelle Zusammenarbeit oft auf der Strecke. Schauen wir noch einmal zurück nach Bangalore und nach Palo Alto, diesmal jedoch vom Standort Walldorf aus. »Indien, die Qualität von da ist eine Katastrophe«, sagt einer, der früher als Vorstandsassistent gearbeitet hat, und schüttelt sich dabei. Vor allem zu Beginn der Arbeit in Indien habe man eher kleine Programmteile dorthin gegeben, doch die kleinteilige Modularisierung brachte den Entwicklern nur noch zusätzliche Probleme: »Man kann die Aufgaben nicht so zu Ende spezifizieren.« Und als die Ergebnisse aus Indien in Walldorf ankamen, »mussten wir nachträglich deutsche Qualität reinbringen«. Nach ersten Erfahrungen wurden dafür in Walldorf schon Monate im Voraus Sonderschichten an Wochenenden eingeplant.

Das Lab in Palo Alto erscheint von Walldorf aus dagegen wie eine Spielwiese für Theoretiker. Dort hat SAP in den vergangenen Jahren die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten konzentriert, um näher an der Innovationsquelle des Silicon Valley zu sein. Palo Alto soll Ideen liefern, die in Walldorf marktfähig gemacht werden. Indirekt wurden damit kulturelle Vorurteile noch verstärkt: In Walldorf gelten die kalifornischen Mitarbeiter als Traumtänzer, die sich um die praktische Anwendbarkeit nicht scheren, während man selbst durch die Anforderungen aus Palo Alto ständig überfordert wird – Walldorf als Reparaturbetrieb. Aus Palo Alto schallt es dann zurück, man werde oft nicht ernst genommen im Hauptquartier, über dessen vermeintlich behäbigen Arbeitsstil man in Kalifornien ohnehin gerne mal die Nase rümpft.“

Kritische Anmerkungen

Nach Siegele/Zepelin haben wir es mit einer Umbruchsituation zu tun. Wir leben nun mal in einer Welt, die das so mit sich bringt. Nur die Walldorfer SAP-Mitarbeiter/innen mit ihrer Lebensstellung sind unflexibel, sie ziehen nicht richtig mit. Ihnen fehlt die „positive Vision der Globalisierung“. So sehen das ja auch die Soziologen des Forschungsprojektes ExportIT.

Siegele/Zepelin haben eine Firmengeschichte der SAP geschrieben, mit Schwerpunkt auf den Führungsfiguren. Ihr Buch enttäuscht aber analytisch, von kritischer Distanz ist nichts zu spüren. Dass sich mit Industriemethoden an der verlängerten Werkbank keine gute Software entwickeln lässt und deshalb Zulieferungen aus Indien nachgearbeitet werden müssen , solche Gedanken haben in dem Buch keinen Platz. (siehe dazu auf diesem Blog „Deutsche Herren – indische Knechte“ und „Programmierer in die Fabrik!“)

Weite Teile des Buches könnten aus der Feder der SAP-Marketingabteilung stammen. Visionen wie „Realtime-Unternehmen“ und „Management-by-Exception“ werden distanzlos übernommen. Die Vorstellung einer perfekt durchkonstruierten und reibungslos funktionierenden Profitmaschine, bei der menschliche Wesen zu Anhängseln der SAP-Software degradiert werden, löst bei den Autoren weder emotionale noch intellektuelle Reaktionen aus. Dass sie den Heilsversprechungen der SOA-Apostel anheim fallen, wundert da schon nicht mehr.

In ihrem Epilog stellen sich die Autoren Deutschland als Plattform vor – Plattform im Sinne von Softwareplattformen wie Microsoft oder SAP sie anbieten. Die ganze Gesellschaft mutiert zur Profitmaschine. Frau Merkel steuert im Governance-Cockpit und handelt die Exceptions. Das ist dann für die kreativen Köpfe aus aller Welt attraktiv. Der Standort Deutschland ist mal wieder gerettet. Ich will weg.

Der Blog zum Buch:  http://www.matrixderwelt.de/

Advertisements

Schlagwörter: , , ,

Eine Antwort to “‚Wir arbeiten heute ganz anders‘ – Globalisierung und Industrialisierung bei SAP”

  1. Nyemanl Says:

    Хочется лишь сказать, что все, что связано с любовью, прекрасно само по себе. Любовь способна сделать с человеком многое: возвысить, облагородить, вдохновить, иссушить, толкнуит на преступление, двести до самоубийства. Что касается последнего, прежде, чем что-то предпринять, нужно вспомнить, что полна неожиданностей и одна неудача в будущем будет вспоминаться не более, как незначительным эпизодом.

    Много абсолютно сумасшедших поступков совершалось и совершаются во имя любви. Чтобы привлечь кого-то, люди решаются на всякие безумства и порой не задумываются о последствиях.

    Многие люди хотят любви, хотят любить и быть любимыми. Вместо того, чтобы подавлять в себе тоскливые мысли („Неужели меня никто так и не полюбит?“, „Почему я до сих пор один(одна)?“) и тем самым накапливать энергию для выхода из душевного кризиса, многие дают им полную свободу, страдают и теряют еще больше энергии. Сделать с собой порой ничего не возможно, но отрицательные эмоции следует стараться сдерживать.

    Когда человека не любят, он ищет причины вокруг себя. А они чаще всего находятся внутри. Ведт если не хватает собственной энергии, тем, кто рядом, некомфортно, потому что часть их энергии переходит к тебе, и ты невольно лишаешь своих друзей части их жизненной силы.

    Любовь воспевалась издревле…Были ли правы наши предки? Нужна ли любовь людям или она только все портит и всем мешает!?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: