IT-Arbeit gefährdet Ihre Gesundheit! – Prozesse sollen helfen

by

Immer mehr IT-Beschäftigten leiden unter psychischen und psychosomatischen Erkrankungen wie Tinnitus, Depressionen, Schlafstörungen und Burnout. Dies bestätigt das Forschungsprojekt DIWA-IT mit Fallstudien in den Bereichen IT-Dienstleistung und Softwareentwicklung. Auf einem Workshop am 6.Oktober 2009 haben die Berater/innen von DIWA-IT auch schon Handlungsfelder ausgemacht. Dazu gehören Monitoring der Gesundheitssituation und Prozessverbesserungen.

„System der permanenten Bewährung“

Die Gesundheit der Beschäftigten wird durch mehrere, sich gegenseitig verstärkende Faktoren gefährdet: Zeitdruck, Leistungsverdichtung,  Personalabbau, ineffiziente Prozesse, Verlust von Anerkennung („Zahlen statt Menschen“), instabile Unternehmensstrukturen und fehlende Ansprechpartner, Vertrauensverlust gegenüber dem Management, kein Sinn in der Arbeit, Verlust der Selbstwirksamkeit („ich kann hier ja doch nichts bewirken“).

Durch die Wirtschaftskrise, Off- und Nearshoring aber auch durch die permanente Reorganisation wird der Arbeitsplatzverlust zur realen Bedrohung. „Die Zugehörigkeit zum Unternehmen wird optional gestellt und an die Zielerreichung gebunden“. In einem „System permanenter Bewährung“ müssen die Beschäftigten immer wieder ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen.

Besonders gefährdet: Engagierte Mitarbeiter

Als maßgeblichen Belastungsfaktor heben die Forscher/innen die schlecht funktionierenden und komplizierten Prozesse hervor. Zusatzbelastungen und Entmündigung sind die Folge, eigene Qualitätsansprüche können nicht erfüllt werden. Gesundheitlich besonders gefährdet sind Mitarbeiter, die versuchen, durch individuelles Engagement die arbeitsorganisatorischen und unternehmenskulturellen Missstände zu kompensieren.

„Wie geht es Dir heute?“

Die Krankheitsquote in der IT-Branche ist noch unterdurchschnittlich und spiegelt nicht die wirkliche Lage wieder. Um die Belastungs- und Gesundheitssituation transparent zu machen, wollen die Berater/innen von DIWA-IT ein gesondertes Gesundheitsmonitoring einführen.

Das Gesundheitsmanagement soll in die Prozesslandschaft der Unternehmen integriert werden. Die Prozesse sollen auch unter dem Aspekt Gesundheit optimiert werden. Kolleginnen und Kollegen bei SAP durften das schon einmal unter Anleitung der DIWA-IT-Berater/innen üben: Die täglichen Scrum-Meetings wurden in den beforschten Teams mit einem herzlichen „Wie geht es Dir heute?“ eröffnet.

Unternehmen als herrschaftsfreier Raum und Prozessfetischismus

Wie andere Unternehmensberater/innen auch, sehen die DIWA-IT-Forscher/innen Unternehmen als herrschaftsfreien Raum. Ihnen kommt nicht in den Sinn, dass Krankheitsdaten vom Management auch zur Selektion von Mitarbeiter/innen genutzt werden könnten. Die illegale Sammlung von Krankendaten, etwa bei den ÖBB, dient sicher auch nur der Gesundheitsförderung der Belegschaft.

Mit der Propagierung perfektionierter Prozesse stellt sich das DIWA-IT-Projekt in die wissenschaftliche Tradition eines Frederick Winslow Taylor. Die am Projekt beteiligten Soziologinnen und Soziologen des ISF bedauern:

„Anders als in traditionellen industriellen Branchen, in denen eine wissenschaftlich begründete Vorstellung von einer ‚Normalleistung’ zumindest als Orientierung dienen kann, um die Leistungsanforderungen so zu gestalten, dass sie einen durchschnittlich belasteten Menschen nicht krank machen, kennt die IT-Branche eine vergleichbare Begrenzung der Leistungsanforderungen nicht.“ („Gesundheit am seidenen Faden“ in ver.di Reader zu Leben und Arbeiten in der IT-Branche, s.60)

ISF-Wissenschaftler/innen preisen auch die Prozessreife in der indischen IT-Industrie an:

„Wer glaubt, die Wettbewerbsfähigkeit indischer IT-Unternehmen beruhe allein auf dem Preis, der irrt. … So findet man in den indischen Unternehmen störresistente und gründlich durchgeplante Prozesse vor. … Standardisierung und ein systematisches Planen der Prozesse machen einen großen Teil des indischen Erfolgsrezepts aus.“
„Deutsche IT-Dienstleister könnten hier von indischen Unternehmen … möglicherweise einiges dazulernen.“ (ver.di KOMM 1/2 2007, s.3f)

Nach der Logik der Prozessfetischisten des ISF müssten die IT-Beschäftigten in Indien nur so vor Gesundheit strotzen. Leider trifft das Gegenteil zu. Auch unter den indischen IT-Workern nehmen psychische und psychosomatische Erkrankungen zu. Auch sie leiden unter Schlaf- und Verdauungsstörungen, Depressionen, Herzerkrankungen und Burnout. (siehe z.B. India’s outsourcing industry faces growing health problems)

Prozesse passen nie

Die Autorin und IT-Beraterin Eckstein sieht unternehmensweite Prozesse wesentlich realistischer als die Management-Berater/innen des ISF. Unternehmensweite Prozesse passen aus ihrer Sicht nie, weil „sich Projekte in vielerlei Hinsicht unterscheiden, so z.B. bezüglich Inhalt, Dauer, Projektmitarbeiter, Technologien, Risiken, Kunden und Zulieferern“. Sie plädiert daher dafür, dass Entwicklungsteams ihre individuellen Vorgehensweisen eigenverantwortlich festlegen. (Objektspektrum 1/2009, s.18). Mit der fortschreitenden Industrialisierung der Softwareentwicklung reduziert sich jedoch das Aufgabenspektrum der einzelnen Teams auf Teilaufgaben, die Spielräume für eigenständige Vorgehensweisen schrumpfen im Korsett der unternehmensweiten Standards und Produktionsketten. Manche Analysen der Industriearbeit durch die Gruppe Socialisme ou Barbarie aus den 1950er lesen sich wie aktuelle Beschreibungen der IT-Arbeit. Das Auseinanderfallen von Prozessen („Produktionsplan“) und tatsächlichen Vorgehensweisen („Fabrikrealität“) kennen auch IT-Worker:

„Dieser Abweichungen zwischen Produktionsplan und Fabrikrealität ist sich das Management im Allgemeinen durchaus ‚bewusst‘, und im Prinzip liegt es an ihm selbst, diese zu korrigieren. In der Praxis ist das natürlich undurchführbar: Wollte man jedes Mal, wenn etwas ’nicht rund läuft‘, alles stoppen und erst auf offiziellem Wege weitere Instruktionen von oben einholen, würde die Fabrik nur einen kleinen Teil ihrer Produktionsziele erreichen. Nebenbei bemerkt, die Tatsache, dass das Management gezwungen ist, die unerlässliche Eigeninitiative der Ausführenden faktisch zu dulden, macht deren Position nicht einfacher. Der Leitungsapparat ist zugleich sorgsam auf seine Vorrechte bedacht und absolut verantwortungsscheu. Er wird, so weit irgend möglich, vermeiden, ohne ‚Rückendeckung‘ ein Problem selbstständig anzupacken, aber seinen Untergebenen bittere Vorhaltungen machen, sollten sie das von sich aus tun. Wenn die Initiative Erfolg hat, wird er das widerwillig hinnehmen und versuchen, das Verdienst sich selbst zuzuschreiben. Wenn sie aber scheitert, hagelt es Sanktionen. Der Ausführende handelt aus seiner Sicht ideal, wenn er wirkungsvolle Eigeninitiativen ergreift und gleichzeitig den Anschein erweckt, ausschließlich Vorschriften zu befolgen – was nicht immer leicht ist. Die Fabrik nimmt so stellenweise Züge einer Parallelwelt an – wo die Leute vortäuschen, etwas Bestimmtes zu tun, während sie in Wirklichkeit etwas ganz anderes machen.“ (Castoriadis, Ausgewählte Schriften Band 2.1, s.208)

Nach Castoriadis ist fremdbestimmte Produktion immer von Konflikten geprägt, Ergebnisse lassen sich nur unter Umgehung der vom Management festgelegten Prozesse erzielen.

Interssant ist auch die Diskussion auf heise.de

Advertisements

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: