Web 2.0 im Unternehmen – kritisch analysiert

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Die linke Zeitschrift „Analyse und Kritik“ (AK) beschäftigt sich mit dem WEB 2.0 im Unternehmen. In seinem Artikel „Zwischen Kooperation und alten Hierarchien“ macht Richard Heigl neue Konfliktlinien aus. Die neuen Technologien würden offene und dezentrale Kommunikation fördern und dadurch traditionelle Hierarchien untergraben. Heigl entdeckt sogar „kleine Revolutionen“. Die politischen Linken fordert er auf, die Heilsversprechungen der 2.0-Technologien beim Wort zu nehmen und den Kampf „um offene Kommunikationsräume“ in den Unternehmen zu unterstützen.

Zwischen Technikgläubigkeit und Naivität

Blogs, Wikis und Social Networks unterstützen technisch vermittelte Kommunikation und Information. Informelle Beziehungen werden nachvollziehbar, das Kommunikationsverhalten wird kontrollierbar. Der Chef ist immer dabei. Das verändert die Kommunikation, so wie am Mittagstisch, wenn sich der Chef dazu setzt. Karriereorientierte Kolleginnen und Kollegen nutzen die WEB 2.0 Technologien auch im Unternehmen zur Profilierung und Selbstvermarktung. Normale Menschen müssen mit Leistungs- und Verhaltenskontrollen rechnen.

Neue Kooperation entsteht durch diese Technik nicht, bestehende wird aber kontrollierbar. Mit Wissensmanagementsystemen soll Erfahrungswissen enteignet und personenunabhängig verfügbar gemacht werden. Das ist ein klassisches tayloristisches Ziel (siehe dazu „Knowledge in question: From Taylorism to Knowledge Management“ ).

Nach ihrer Einführung verlieren Wikis meist schnell den Reiz des Neuen und die Mitarbeiter/innen werden über Zielvereinbarungen zur aktiven Teilnahme gezwungen. Die Inhalte verflachen dann auch entsprechend und die „Wissensarbeiter neuen Typs“ strampeln sich einen ab, um die Dinger am Leben zu halten.

Im Web 2.0 vermarktet sich der Wiki-Berater und Geschäftsführer Dr. Richard Heigl (siehe XING ). Ist er auch der Autor des AK-Artikels? Der Inhalt würde passen. Technikgläubigkeit und Naivität wären dann banaler Ausdruck kommerzieller Interessen. Die linke Szene soll für das Geschäft gewonnen werden.

Nichts tun

Wer Überwachung, Kontrolle und Wissensenteignung im Enterprise 2.0 nicht auch noch aktiv unterstützen will, tut das, was die meisten Kolleginnen und Kollegen in diesem Kontext sowieso tun, nämlich nichts. Wer unbedingt aktiv sein will, nervt mit Fragen nach Datenschutz und Leistungs- und Verhaltenskontrollen.

Nur in wenigen Ausnahmefällen dürftes es sinnvoll sein, die Kooperationsversprechen aufzugreifen und einige Randbedingungen einzufordern: Verwendung von Pseudonymen für Gruppen oder einzelne Personen zum Schutz vor Überwachung, Verzicht auf jegliche Zensur und wirklich freiwillige Teilnahme.

Sollten dann tatsächlich kritische Diskussionen und Informationen um sich greifen, werden Repressionen durch das Management nicht lange auf sich warten lassen, und es wird Zeit, an eine Rückfallebene zu denken. Web 2.0 Technologien außerhalb des Unternehmens bieten die Möglichkeit zu autonomer Kommunikation und Information (siehe z.B. NetzwerkIT).

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Eine Antwort to “Web 2.0 im Unternehmen – kritisch analysiert”

  1. Richard Heigl Says:

    Hi,

    ich bin tatsächlich der Autor des Artikels. Die linke Szene (welche genau meinst du? die Autonome?) wollte ich damit nicht fürs Geschäft gewinnen, sondern auf komplexe und widersprüchliche Entwicklungen hinweisen, die bislang innerhalb der Debatte ausgeblendet waren.

    Dazu braucht es meiner Meinung nach aber auch ein wenig Dialektik. Es geht eben nicht nur um ein einfaches „oben“ vs. „unten“, hier Karrieristen, dort normale Mitarbeiter. Binäres Denken bringt da herzlich wenig. Sondern da sind Zwänge, Kämpfe um Freiräume, um mehr Transparenz etc.

    Es ist ein entscheidender Schritt, die Leute, mit denen man konkret zu tun hat, einfach mal ernst zu nehmen und sich nicht in ein Paralleluniversum zu verabschieden, das nur ein Wir-hier und ein Die-da-draußen kennt. Es entstehen dabei übrigens Kooperationsformen und -wege, die auch in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft brauchbar sind. Ernst nehmen ist übrigens ein ganz wichtiger Gesichtspunkt für ein gesellschaftliches Alternativmodell.

    Das mit dem Nicht-Mitmachen ist zwar eine nette Idee, aber aus meiner Sicht nur denkbar für Leute wie Adorno, die sich in einen allimentierten Sandkasten zurückziehen können. Der „Rest“, also die Mehrheit der Bevölkerung steckt in konkreten Arbeitsbeziehungen und kann nur etwas bewirken, wenn er, wie Brecht sagt, „mit den Antinomien operieren“ lernt.

    Dazu muss man wissen, was gerade abgeht. Mit Technikgläubigkeit hat das eigentlich gar nichts zu tun, sondern mit ganz praktischer Politik im Alltag. In den von mir mitverfassten Büchern „Social Web“ und „Wiki“ argumentieren wir, die Autoren, im Übrigen permanent gegen die Web 2.0-Technikgläubigkeit.

    Deswegen meine Bitte: Bevor du jemanden öffentlich Naivität unterstellst, recherchiere erst mal richtig. Ich bin zum Beispiel über Mail erreichbar und habe ein Telefon. Das sind einfach die Standards, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt.

    Dass ich in dem Bereich arbeite und mein Geld verdiene? Naja, das muss ich echt nicht rechtfertigen 🙂

    Was du zu den Überwachungsmöglichkeiten schreibst, teile ich übrigens komplett. Deswegen mein Vorschlag: Lass uns einfach in Kontakt bleiben.

    Richard

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