Freiheit statt Angst auch im Betrieb?!

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Am 11.September 2010 ist es wieder soweit. „Freiheit statt Angst“ lautet auch dieses Jahr das Motto des internationalen Aktionstages für Bürgerrechte und gegen Überwachung. Kontrolle und Überwachung am Arbeitsplatz interessieren dabei nur am Rande. Demokratie macht an den Werkstoren halt, die Bürgerrechtsbewegung auch.

Unter den zahlreichen Forderungen im Aufruf zu der Demonstration in Berlin beziehen sich genau zwei auf die Arbeitswelt. Erstens wird die „Einführung eines Arbeitnehmerdatenschutzgesetzes“ verlangt. Verschwiegen wird, was in diesem Gesetz stehen soll. Wie der aktuelle Entwurf für ein solches Gesetz zeigt, kann daraus schnell ein „Arbeitnehmerüberwachungsermächtigungsgesetz“ werden. Die Forderung ist inhaltsleer, ein bloßer Platzhalter.

Zweitens wird „Schutz vor unnötiger Datensammlung und Bespitzelung am Arbeitsplatz“ gefordert. Aber welche Daten sind nötig, welche nicht – und vor allem: Für wen sind sie nötig? Und was ist mit Bespitzelung gemeint? Die öffentliche Diskussion der letzten Monate und Jahre beschränkte sich auf einige rechtswidrige Maßnahmen bei Lidl, Telekom, Bahn und Co. Skandalisiert wurden Überwachung und Bespitzelung nur, sofern sie sich außerhalb des gesetzlichen Rahmens bewegten. Auch die Gewerkschaften sehen meist nur die Spitze des Eisberges. Alles unter der Oberfläche wird in Betriebsvereinbarungen abgesegnet.

„Nunmehr geht es um eine innere, intensive, stetige Kontrolle, die den ganzen Arbeitsprozess durchzieht und sich nicht allein auf die Produktion bezieht (…), sondern die Tätigkeit der Menschen, ihre Geschicklichkeit, ihre Gewandtheit, ihre Behendigkeit, ihren Eifer, ihr Verhalten erfasst.“ (Foucault, Überwachen und Strafen)

Am Arbeitsplatz herrscht Angst, nicht Freiheit. Dafür sorgen Kontrolle und Überwachung auf drei Ebenen. Um beim Bild des Eisberges zu bleiben: Ganz unten tief im Wasser haben wir die arbeitsbezogene Kontrolle, darüber die allgemeinen, aufgabenunabhängigen Datensammelsysteme. Aus dem Wasser ragt nur der skandalisierte Bereich. Die beiden unteren Ebenen fallen aus der Überwachungsdiskussion, weil sie allgemein akzeptiert werden, als normal und oft als notwendig gelten.

Detailliertes System für die Überwachung

Die Arbeitskontrolle auf der untersten Ebene ist für die Unternehmer eine Selbstverständlichkeit und im Prinzip nichts Neues. Schon Frederick Winslow Taylor forderte ein „detailliertes System für die Überwachung und Anleitung der Leute“ als Komponente seines wissenschaftlichen Managements. Zu Taylors Zeiten war dafür eine umfangreiche und teure Kontrollbürokratie notwendig. Heutzutage erledigen das IT-Systeme, die Überwachung ist automatisiert und die Kontrolle wird immer engmaschiger. Im Callcenter zum Beispiel bleibt kaum eine Lebensäußerung unbeobachtet. Kontrolliert werden die Anzahl der Anrufe, die Reaktionszeiten, die Erfolgsquoten, die Sprechweise und auch der Inhalt der Gespräche. Wo die IT-Systeme noch Lücken lassen, greift die direkte Bespitzelung. Das heimliche Aufzeichnen und Abhören von Gesprächen nennt sich „silent monitoring“. Freiheit bleibt da keine. Die Callcenter-Arbeit ist vergleichsweise gut untersucht, siehe beispielsweise Kolinko.

In andere Arbeitsfeldern ist die Überwachung und Kontrolle noch rudimentärer. Fiat will in Pomigliano die Bewegungen der ArbeiterInnen mit Hilfe von Chipkarten-Systemen kontrollieren. Alle Arbeiten an IT-Systemen sind automatisch überwacht. Workflowsysteme steuern nicht nur den Arbeitsablauf, sie beseitigen Entscheidungsspielräume und sie protokollieren auch die individuelle Leistung. Kennzahlen vermessen die Arbeit. Aufzeichnungen der Arbeitsvorgänge ermöglichen die weitere Verlagerung von Wissen in IT-Systeme. Dequalifizierung und Intensivierung der Arbeit, Erhöhung des Leistungsdrucks und Erschöpfung der Beschäftigten sind die Folgen.

Bei dieser Ebene handelt es sich um die ganz klassische banale tayloristische Kontrolle. Prozesse und Standards legen die Arbeitsweise und das Arbeitspensum fest. Regelkonformität und Leistung werden laufend überwacht und kontrolliert. Bei Abweichungen drohen Sanktionen.

Panoptische Kontrolle im Betrieb

Die allgemeine Überwachung trifft alle Beschäftigten, unabhängig von ihren konkreten Tätigkeiten. Zugangssysteme erfassen das Befahren von Firmenparkplätzen und den Zutritt zu den Gebäuden. Aus Sicherheitsgründen werden diese Daten auch gespeichert. In Mitarbeiterdispositionssystemen werden die Arbeitseinsätze lückenlos gespeichert. In Aufwandserfassungssystemen sind die Tätigkeiten auf Stundenebene vermerkt. Urlaubs-, Krankheits- und Fehltage bleiben jahrelang nachvollziehbar. Behinderungen der MitarbeiterInnen werden in zahlreichen Systemen hinterlegt. Beantragung und Abrechnung von Fortbildungen und Dienstreisen erfolgen über IT-Systeme. Einige Systeme erlauben die Abspeicherung von Zielvereinbarungen und Zielerreichung. Bargeldlose Bezahlsysteme in der Kantine speichern die Essgewohnheiten, um den Speiseplan zu optimieren. GPS ermöglicht die Bestimmung des Aufenthaltsortes mobil Beschäftigter. In Wissensmanagementsystemen und Wikis sind die Kenntnisse der Arbeitenden überprüfbar. Emails und Telefonate werden protokolliert. Die Kommunikationsbeziehungen der MitarbeiterInnen und ihre Vernetzung können ausgewertet werden. Die Datensammelwut kennt keine Grenzen.

Offiziell werden die Daten jeweils nur für bestimmte Zwecke benutzt. Eine Verwendung darüber hinaus ist aber nicht ausgeschlossen. Das zeigen die zahllosen Datenskandale. Und damit erreicht die Überwachung panoptische Qualitäten. Die Beschäftigten wissen nie, ob ihre Emails ausgewertet oder ihre Festplatten untersucht werden. Also verhalten sie sich vorsorglich so, wie sie meinen, dass es von ihnen erwartet wird. Die Kontrolle und Überwachung ist damit in die Beschäftigten selbst verlagert. Diese Form der Überwachung kommt insbesondere bei Tätigkeiten zum Tragen, bei denen eine engmaschige tayloristische Kontrolle (noch) nicht möglich ist. Sie entspricht Benthams Panopticon:

Panopticon

Panopticon

„Allen Bauten des Panopticon-Prinzips istgemeinsam, dass von einem zentralen Ort aus alle Fabrikarbeiter oder Gefängnisinsassen beaufsichtigt werden können. Im Mittelpunkt steht ein Beobachtungsturm, von welchem aus Zelltrakte abgehen (in sog. Strahlenbauweise). So kann der Wärter in der Mitte in die Zellen einsehen, ohne dass die Insassen wiederum den Wärter sehen können. Das liegt daran, dass die Gefangenen aus der Sicht des Wärters im Gegenlicht gut sichtbar sind, der Wärter selbst jedoch im Dunkel seines Standortes nicht ausgemacht werden kann. Mithin wissen diese nicht, ob sie gerade überwacht werden. Im Ergebnis kann also mit geringem personellem Aufwand eine große Zahl von Menschen permanent und total überwacht werden.“ (zitiert aus Wikipedia)

Die Funktion der Bentham’schen Gebäude-Architektur und die Rolle des Wärters haben IT-Systeme übernommen. Die Wirkung ist die gleiche.

„Mich stört es nicht, wenn die Geschäftsleitung meine Mails liest“

Die Kontrolle geschäftlicher Emails akzeptieren die meisten Beschäftigten. Manche sind schon so deformiert, dass sie sich über jede Aufmerksamkeit von oben freuen. Sie stört es dann auch nicht, wenn die Chefetage ihre Mails mitliest. Diese Mails sind ja Teil ihrer Arbeit, und der Arbeitgeber hat doch das Recht, die Arbeit zu sehen und zu kontrollieren. Ist das wirklich so? Wenn ich mich mit einer Kollegin oder einem Kollegen unterhalte, spreche ich mit ihm ganz persönlich. Manchmal schließen wir die Bürotür oder schauen, wer hinter uns steht. Wir gehen nicht davon aus, dass der Chef oder die gesamte Firma mithören. Dann würden wir uns anders verhalten. Und Emails, sind die nicht allein für die EmpfängerInnen geschrieben? Müssen wir diese so formulieren, dass sie auch noch nach Jahren beim womöglich neuen Chef einen guten Eindruck machen? Viele ArbeitnehmerInnen gehen davon aus, dass der Arbeitgeber mit dem Kauf der Arbeitskraft auch das Recht erworben hat, jede Lebensäußerung zu kontrollieren – zumindest während der Arbeitszeit.

Der rein bürgerliche Protest, der die ganz normale Überwachung am Arbeitsplatz ausklammert, greift zu kurz. Im Betrieb bleibt von der Freiheit nur die Privatsphäre auf dem Klo.

Demo 11.9.2010  13 Uhr  Berlin, Potsdamer Platz

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