2.1 Die ersten Fabriken

Die Software Factory geht noch einen Schritt weiter als das Engineering; sie bezieht die Strukturierung nicht nur auf Teams, sondern auf die ganze Firma. Gemeinsames Ziel der Software Factories war die Taylorisierung der Programmierung. Die aufwändigen Arbeiten sollten soweit vereinfacht werden, dass keine besondere Ausbildung und Erfahrung mehr erforderlich war. Die Kosten sollten reduziert werden, die Entwicklung sollte plan- und steuerbar sein wie die Autoproduktion.

„In der ‚Software Factory‘ werden mit Hilfe standardisierter, computergestützter Werkzeuge auf der Basis eines formalisierten, mittels technischer und ökonomischer Kennzahlen kontrollierten Prozesses Softwareprodukte – gegebenenfalls in ‚Massenproduktion‘ – erstellt.“ (Herzwurm et al., 1994, s.2)

Alle Konzepte stützten sich – mit unterschiedlicher Gewichtung – auf folgende Maßnahmen:

  • möglichst fein granulare Aufteilung der Arbeit entlang eines phasenorientierten Ablaufs auf Basis einheitlicher Prozesse,
  • Verwendung eines standardisierten und integrierten Toolsets über alle Phasen,
  • Einführung standardisierter Methoden,
  • Festlegung von Programmier-Richtlinien,
  • Wiederverwendung von Code oder von Modulen,
  • systematische Qualitätsmessung und -steigerung sowie
  • Steuerung über Kennzahlen.

Beispiele

In den USA startete 1972 die vormals zur Rand Corporation gehörende System Development Corporation (SDC) ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt, um immer wieder auftretende Probleme anzugehen: Jedes Entwicklungsprojekt erfand seine Vorgehensweise von neuem, der Entwicklungsprozess war nicht standardisiert. Der Projektfortschritt war nicht sichtbar, er konnte nicht effektiv kontrolliert werden. Anforderungen blieben nicht stabil, sie änderten sich während der Entwicklung. Für Entwurf, Management und Verifikation war kein gemeinsames Toolset verfügbar. Wiederverwendung fand so gut wie nicht statt.

Zur Lösung der Probleme wurde ein Toolset mit Programm-Bibliothek, Projekt-Datenbank, Online-Interface, Unterstützung für Verifikation und Dokumentation und integrierter Projektsteuerung zusammengestellt. Für Entwurf und Implementierung wurden standardisierte Vorgehensweisen und Managementmethoden dokumentiert. Eine Matrixorganisation wurde gebildet: Das High-Level Design wurde vor Ort beim Kunden erstellt. Die Software Factory mit 200 EntwicklerInnen erhielt die Spezifikation und erledigte dann in Fließfertigung („assembly line“) Entwurf, Codierung, Test und Verifikation. Die Fabrik lief solange gut, wie sehr ähnliche Softwarepakete für das Militär produziert wurden. Ein Auftrag der Polizei von San Francisco mit ganz neuen Anforderungen brachte die Fabrik zum Stillstand. Die Spezifikationen konnten nicht zu den geplanten Terminen geliefert werden. Außerdem war es den Projektleitern freigestellt, die Fabrik mit der Entwicklung zu beauftragen oder im Projekt zu implementieren. Die Fabrik erhielt immer weniger Aufträge.

In Europa ließ sich die Industrie von der EU Forschungsprojekte wie ESPRIT und „EUREKA Software Factory“ (ESF) finanzieren. Ziel war der Aufbau einer Software-Produktionsumgebung mit integrierten, „intelligenten“ Werkzeugen und standardisierten Protokollen. Ergebnisse sind nicht (mehr) nachweisbar.

Japan wurde zur Hochburg der Software Factories. Ein Forschungsprojekt (SIGMA, Software Industrialized Generator and Maintenance Aids) scheiterte nach fünf Jahren auch dort. Initiativen auf Firmenebene waren erfolgreicher. Hitachi, Toshiba, Fujitsu und NEC organisierten ihre Softwareentwicklung fabrikmäßig.

Bei Toshiba wurde die Entwicklung nach einem Wasserfallmodell in Arbeitseinheiten aufgesplittet. Eine gesonderte Kontroll- und Beobachtungsinstanz kontrollierte den Arbeitsfortschritt täglich oder zumindest wöchentlich. Als Toolset wurde eine „Software Work Bench“ verwendet. Die Standardisierung machte vor nichts halt: Arbeitsplatz, Software Tools, User Interfaces, Projektdesign, Projektmanagement, technische Ausführung und Beschreibung, Fortbildungsprogramme, Qualitätssicherung, Bibliotheken mit bereits vorhandenem Code, technischen Datenbanken, Karrieresysteme – alles mußte standardisiert sein.

Hitachi stand dem in nichts nach:

„Hitachi gilt als Pionier auf dem Gebiet: Das Unternehmen baute seine erste Software Factory 1969. Zwei Jahre später wurde eine Betriebsstätte in den USA mit 7000 Mitarbeitern eröffnet – ein Großraumbüro voller Angestellter, das alle Ähnlichkeiten mit einer Fabrik aufweist. Die Programme wurden in sechzig verschiedenen Arbeitsbereichen geschrieben, deren Einrichtung bis zur Platzierung der Computer auf den Schreibtischen identisch in gleichmäßigen Reihen angeordnet ist […] Japanische Mitarbeiter führen über jeden Tastendruck detailliert Buch.“ (Tom DeMarco, 1993)

weiter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: