4 Die Renaissance der verlängerten Werkbank

Seit dem Zerplatzen der Dotcom-Blase boomt die verteilte Fertigung nach dem Prinzip der verlängerten Werkbank – abzulesen an dem enormen Wachstum der indischen IT-Dienstleister. Die vertikale Arbeitsteilung in der Softwareentwicklung ist Teil der zweiten Industrialisierungswelle in der Softwareindustrie (siehe hierzu „Programmierer in die Fabrik!“). Während traditionell international aufgestellte Produkthersteller wie IBM Produkte geografisch verteilen (Security in Israel, Workflow in Böblingen, etc.), wird absurderweise gerade Individualsoftware an der verlängerten Werkbank gebaut. Die „höherwertigen“ Tätigkeiten wie Kundenkontakt und Architektur bleiben vor Ort, die „niedrigwertigen“ Arbeiten wie Codierung und Test werden in Niedriglohnregionen verlagert. Für Manager, die Softwareentwicklung und Autoproduktion nicht unterscheiden können, ist das die optimale Offshoring-Variante.

Das Ganze geht gut, solange die erhöhten Aufwände durch die niedrigen Offshore-Löhne kompensiert werden, und solange die Kunden glauben, dass eine günstigere und bessere Lösung nicht zu haben ist. Indischen Software-Häuser akquirieren inzwischen auch komplette Aufträge einschließlich Architektur und Design. Das Herr-Knecht-Modell wird nicht von Dauer sein, auch „höherwertige“ Tätigkeiten werden verlagert werden.

Der Bürgermeister von Dalian, dem chinesischen Bangalore, sieht das auch so:

„Zuerst werden unsere jungen Leute für die Ausländer arbeiten, dann werden wir unsere eigenen Unternehmen gründen. Es ist wie beim Bau eines Hauses. Gegenwärtig seid ihr Amerikaner die Architekten, und die Entwicklungsländer sind die Maurer. Aber eines Tages, so hoffe ich, werden wir die Architekten sein.“ (Thomas L. Friedmann; „Die Welt ist flach“; Frankfurt, 2006; s.52)

Andreas Boes von Export-IT diagnostiziert gar eine Gefährdung des IT-Standortes Deutschland. Die Gefahr droht durch die weite Verbreitung der nicht zukunftsfähigen „Ausdifferenzierung nach dem Werkbankprinzip“.(siehe „Globalisierung: Reaktionsmuster deutscher IT-Firmen“)

Bertrand Meyer formuliert gelassener:

„I still hear comments that only low level jobs can be outsourced and that all design will remain in the West. That’s delusional.“ („The unspoken revolution in software engineering“)

Für einige weitsichtige Manager ist die Verlagerung von Codierarbeiten nur der erste Schritt. Dieser leitet den Knowhow-Transfer ein, um dann nach und nach auch die „höherwertigen“ Tätigkeiten auszulagern. Manche börsenorientierte Unternehmen wollen in erster Linie eine „Indien-Story“ vorweisen – bei den Analysten gilt das Thema Offshoring als „strategischer Trend“. Kein Unternehmen verzichtet aber darauf, eine Drohkulisse aufzubauen. Mit der Androhung von Auslagerungen in Niedriglohnländer wollen sie uns erpressen und gefügig machen.

Die Gewerkschaften haben dem wenig entgegenzusetzen. Mit der Forderung nach Qualifizierungsmaßnahmen für einheimische Programmier/innen unterstützen sie das Prinzip der verlängerten Werkbank. Ist die vertikale Arbeitsteilung erst einmal durchgesetzt, fällt es den Unternehmen leicht, den Offshore-Schnitt höher anzusetzen. Sie haben eine strategische Machtposition erreicht, das Erpressungsszenario steht. Die meisten Betriebsräte und die Gewerkschaften reagieren defensiv und versuchen, eine Zwischenetappe zu stabilisieren. Als Stellvertreterorganisationen kümmern sie sich nur um die Rahmenbedingungen; sie sind nicht in der Lage, auf der Arbeitsebene gegen die vertikale Arbeitsteilung vorzugehen. Somit werden nach und nach „höherwertige“ Tätigkeiten ausgelagert werden – es sei denn, der Druck auf unsere Gehälter ist so erfolgreich, dass sich eine Verlagerung vorerst nicht mehr lohnt.

weiter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: