4.2 Prozesswahn

Die Konzepte zur Industrialisierung halten einer theoretischen Prüfung nicht stand. Die Kritiker der ersten Software Factories haben dies schon verdeutlicht. Die theoretische Unterfütterung ist bloßes propagandistisches Beiwerk, besonders leicht verdientes Geld für die Beraterbranche. Softwareentwicklung ist nach wie vor Produktentwicklung und nicht Produktion. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist die Veränderung des Kräfteverhältnisses. Notfalls nimmt das Management Abstriche bei der Qualität hin und lässt massenhaft schlechte Software produzieren. Hauptsache die Herren behalten das Heft in der Hand und die Softwareentwicklung ist plan- und berechenbar wie eben die Produktion von Autos. In der praktischen Umsetzung wirkt noch vieles absurd und nicht funktional, vorausgesetzt, man nimmt die jeweilige Begleitmusik ernst.

Es hat schon System, wenn CMMI als Prozessmodell verstanden wird und nicht als Reifegradmodell, das nur Prozessgebiete benennt. Prozessmodelle beschreiben Abläufe, beschreiben wie Software entwickelt wird, wer in welcher Reihenfolge welche Artefakte wie und wozu erstellt. Ein Reifegradmodell dagegen misst, ob und wie gut relevante Aufgabengebiete abgedeckt sind.

Es ist auch kein Zufall, dass fast jede große Firma ganze Bibliotheken mit Prozessbeschreibungen niedrigster Qualität füllt. Diese Beschreibungen haben oft nur wenig mit den realen Abläufen im Unternehmen zu tun. Die Einhaltung der Prozesse würde zum Stillstand führen, sie stecken voller Sackgassen und Endlosschleifen. Oder die Prozessdefinitionen sind so allgemein gehalten, dass man alles oder nichts tun kann. Auch das hat System.

Die Prozesse dienen nicht in erster Linie der Organisation unserer Arbeit. Sie werden nicht von uns selbst erstellt. Dafür gibt es eigene Abteilungen und Verantwortliche, die die konkreten Tätigkeiten meist nicht wirklich kennen. Es entsteht eine Eigendynamik. Immer mehr Prozesse, immer detailliertere Beschreibungen, Templates, Checklisten, Richtlinien und Standards aller Art werden erstellt. Möglichst viele (Teil-)Aufgaben werden beschrieben und mit Metriken angereichert. Einige dieser Metriken können in Zielvereinbarungen für die Mitarbeiter/innen benutzt werden. Andere helfen dem Management Optimierungsbedarf zu erkennen. Die Vergleichbarkeit von Aufgaben auf Basis von Zahlen und Standards hilft Auslagerungen zu begründen.

Das Zusammenwirken der so zergliederten Arbeit wird sich nach einigen Reibungsverlusten schon ergeben. Wie etwas erledigt wird, das interessiert das Management schon lange nicht mehr. Die Verantwortung dafür wird nach unten verschoben. Wie das Management sicherstellen will, dass die da unten sich dieser Verantwortung auch stellen und gut funktionieren, ist ein Thema für sich. Zielvereinbarungen, Herstellung von Konkurrenzsituationen, Einimpfung von „unternehmerischem Denken“, direkte Kopplung an den Markt und dergleichen mehr spielen da eine Rolle.

Mit Prozesswahn und Industrialisierung konfrontiert, denken viele von uns, wie kann man nur so blauäugig sein, das kann doch so nicht funktionieren. Und wir versuchen dann den Unterschied zwischen Entwicklung und Produktion (macht doch der Compiler) zu erklären, versuchen die Prozesse zu verbessern, versuchen zu erklären, warum Offshoring bei Individualsoftware kaum kostengünstiger sein kann. Wir unterstellen, dass das Management das gleiche Ziel hat wie wir, nämlich für den Kunden gute und nützliche Software zu bauen. Und dann wissen wir alles besser, die Manager haben eben keine Ahnung. Das mag ja im Einzelfall durchaus zutreffen. Meistens machen die Jungs aber einen guten Job und wissen was sie tun. Die sind nicht naiv, die haben nur andere Ziele und Interessen. Es besteht keine Interessensidentität. Wir sind naiv, wenn wir den Herren alles glauben, und vergessen, dass sie auch uns gegenüber Marketing betreiben, um uns bei Laune zu halten.

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Eine Antwort to “4.2 Prozesswahn”

  1. IT-Standort Deutschland gefährdet - Export-IT hilft! « Ressourcen rebellieren Says:

    […] eine und das reale Leben das andere. Mayer-Ahuja/Patrick Feuerstein zeigen übrigens auch, dass der Prozesswahn unsere indischen Kolleginnen und Kollegen genauso nervt wie […]

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