4.3 Thesen zur Diskussion

Die Konzepte zur Industrialisierung der Softwareentwicklung sind nicht ausgereift. Sie werden so nicht erfolgreich sein. Trotzdem verändern die Umsetzungsversuche die Softwareentwicklung und werden sie weiter verändern. Das bisher gesagte basiert, auf eigener Berufspraxis, auf Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen und auf Literaturrecherche. Um eine Diskussion anzuregen, fasse ich hier meine Einschätzung in ein paar Thesen zusammen und spekuliere dabei auch ein wenig über künftige Entwicklungen:

  • Softwareentwicklung erfordert Kreativität, Kommunikation, Kooperation und technisches Können, sie hat eigene Methoden und Vorgehensweisen. Sie ist nicht plan- und steuerbar wie die Produktion von Massengütern.
  • In dem Maße, wie Software von der bloßen Hardware-Beigabe zum eigenständigen Produkt wurde, musste die Softwareentwicklung profitabel werden. Dazu soll sie den Regeln der industriellen Produktion unterworfen werden.
  • Die anhaltenden Industrialisierungsbestrebungen bleiben nicht wirkungslos. Sie sind aber der eigentlichen Tätigkeit, der Softwareentwicklung, äußerlich und schränken diese ein. Zusätzliche Arbeiten in Form von Bürokratie und Kontrolle lassen die Aufwände steigen und die Qualität sinken. Sie gefährden die Profitabilität.
  • Der Erfolg von Open-Source-Software ist auch diesen Schwierigkeiten der kommerziellen Softwareentwicklung zu verdanken.
  • Agile Prozesse sind eine Reaktion auf die Probleme, die durch die unbesehene Übernahme von Methoden aus der Industrieproduktion entstehen, sie berücksichtigen die spezifischen Erfordernisse der Softwareentwicklung. Die Internationalisierung (Offshore-Entwicklung) verstärkt dagegen wieder die Tendenz zu schwergewichtigen, wasserfallartigen Prozessen.
  • Die Unterwerfung der Softwareentwicklung unter kapitalistischen Bedingungen ist nicht abgeschlossen. Der Ausgang ist offen. Wir werden es (weiterhin) mit folgenden Trends zu tun haben:

a) Zunehmende Verlagerung von Verantwortung und Risiko nach unten und Steuerung über konkret messbare Ziele, z.B. etwas in der Art von realisierten Function-Points pro Zeiteinheit. Zielvereinbarungen für Teams werden zunehmen, d.h. die Zielerreichung der einzelnen Mitarbeiter/innen werden vom Teamergebnis abhängig gemacht werden.

b) Verbindung von klassische Industrialisierungskonzepten und agilen Prozessen sowie Übernahme von Entwicklungsmethoden und Vorgehensweisen aus dem Open-Source-Bereich. Agilität könnten auf der Ebene von teaminternen Prozessen ihren Platz finden. Insbesondere die international verteilte Fertigung wird sich an Open Source orientieren.

c) Verstärkte Internationalisierung. Das Konzept der verlängerten Werkbank wird scheitern. Zunehmend werden auch hochwertige Tätigkeiten verteilt werden. Langfristig werden die Firmen, die heute die Industrialisierung und Offshore-Entwicklung als verlängerte Werkbank vorantreiben, um von den niedrigen Löhnen in Indien oder China profitieren zu können, gegenüber den Firmen ins Hintertreffen geraten, die (auch) auf Produktivitätssteigerung durch Verbesserung von Technik, Methoden und Ausbildung setzen.

d) Weitere Kommerzialisierung und Kontrolle der Open-Source-Software durch die Industrie: Übernahme von Open-Source-Produkten, Freigabe eigener Produkte oder Entwicklung als Open-Source, Mischformen von Open- und Closed-Source. Nur freie Software (GPL) kann unabhängig bleiben.

e) Automatisierung von Prozessen, Erhebung von Kennzahlen und Kontrolle durch die Integration von Entwicklungswerkzeugen mit Kooperations- und Workflow-Tools. Der Taylorismus wurde erst mit dem Fließband in der industriellen Produktion wirklich erfolgreich. Eclipse-Jazz könnte zum „Fließband“ der Softwareentwicklung werden.

weiter

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