5.1 Machtverhältnisse

In der soziologischen Literatur finden wir einige Hinweise zu den Quellen von Arbeitermacht. Es lassen sich drei Arten von Macht unterscheiden. Unter Organisationsmacht versteht man die Macht, die aus der Bildung von Arbeiterorganisationen, also Gewerkschaften und Parteien, entstehen kann. Strukturelle Macht erwächst den Arbeiter/innen aus ihrer Stellung im ökonomischen System, es handelt sich um Marktmacht und Produktionsmacht. Marktmacht resultiert aus einem angespannten Arbeitsmarkt. Geringe Arbeitslosigkeit oder die Verfügung über seltene Qualifikationen stärken unsere Marktmacht. Produktionsmacht entsteht, wo lokal begrenzte Aktionen an Schlüsselstellen sehr weitgehende Wirkung haben. Zum Beispiel verfügen die Lokomotivführer/innen über viel Produktionsmacht, sie können mit vergleichsweise bescheidenen Aktionen eine ganze Volkswirtschaft lahm legen. Geringe Produktionsmacht haben dagegen die Verkäuferinnen bei einer Fastfoodkette. Ihr Streik bleibt in seinen Auswirkungen lokal begrenzt.

Marktmacht

Ende der neunziger Jahre verfügten wir über beträchtliche Marktmacht. Die Jahrtausendumstellung bescherte Cobol-Programmierern Stundensätze und Gehälter in bisher nicht gekannter Höhe. Der Internetboom sorgte für eine Aufbruchstimmung. Wer die neueren Technologien (HTML, PHP, Java, …) kannte, war gefragt wie noch nie. Viele von uns konnten damals eine gute Bezahlung durchsetzen, wir waren anerkannt, konnten unsere Arbeit weitgehend selbst gestalten. Täglich gab es Neues zu entdecken, die Arbeit machte Spaß, die Arbeitsatmosphäre war meist gut, die Aussichten schienen rosig. Das Management musste nett zu uns sein. Freie Getränke in allen Varianten wurden zur Selbstverständlichkeit.

Mit der Dotcom-Blase platzten auch unsere Träume von einer guten Arbeit. Das Management sagte den „Kopfmonopolen“ den Kampf an. „Helden“ waren out, der „Truck-Factor“ oder das Lotterie-Risiko mussten reduziert werden. Die Abhängigkeit von Expertinnen und Experten sollte reduziert werden. Mittel dazu waren und sind die Industrialisierung der Softwareentwicklung und Offshoring. Die Industrialisierung zielt auf Ausdifferenzierung der Prozesse und erweiterte Arbeitsteilung mit wenigen hoch qualifizierten und vielen gering qualifizierten Tätigkeiten. Das Ziel ist erreicht, wenn wir tatsächlich zu austauschbaren Ressourcen zugerichtet sind, die man dort einkaufen kann, wo sie gerade am billigsten sind.

Produktionsmacht

Im Unterschied zu unseren Kolleginnen und Kollegen, die die Rechenzentren in Betrieb halten, verfügen wir Softwareentwickler/innen auf den ersten Blick über geringe Produktionsmacht. Wenn wir mal für eine Weile die Maus aus der Hand legen und die Finger von der Tastatur lassen, so führt das „nur“ zu Projektverzögerungen. Anders sieht es aus, wenn wir zur Behebung von Produktionsstörungen herangezogen werden und dann, womöglich selbst verursachte Fehler, mehr oder weniger schnell finden.

Organisationsmacht

Unsere Organisationsmacht ist derzeit zumindest nicht größer als die anderer Gruppen. Die meisten Gewerkschaften und Betriebsräte betreiben aktives Co-Management und spielen eine integrierende Rolle. Dass auch Softwareentwickler/innen streiken können, haben die Kolleginnen und Kollegen bei der Sparkassen-Informatik im Sommer 2007 bewiesen, obwohl ihr mehrwöchiger Ausstand in der Öffentlichkeit kaum Beachtung fand.

Die Marktmacht, die uns die Jahrtausendumstellung und der Internetboom bescherten, werden wir nicht mehr erreichen. Firmenwechsel werden daher nicht mehr viel bewirken. Wir sind überall schwach, solange wir nicht unsere Organisationsmacht stärken. Verbesserungen können auch wir nur noch durch gemeinsame Aktionen erreichen. Es ist Zeit, dass wir uns organisieren. Einen anderen Weg gibt es nicht.

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Eine Antwort to “5.1 Machtverhältnisse”

  1. Mikex Says:

    Endlich sagt es mal jemand! In noch viel stärkerem Maße gilt die Schwächung der Markposition der „Arbeit-“ bzw. „Auftragnehmer“ in den Freelance-Sektoren seit Anfang des letzten Jahrzehnts.

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